Bettina Buchstab schreibt über unser Konzert mit Stefan Sell:

GITARRENKONZERT / Neresheimer Kalkwerk präsentiert Stefan Sell

Malerische Gitarre auf farbiger Seelenwanderung

Keine Klassik, keinen Blues und auch nicht Jazz spielt Stefan Sell in der Ölbergkirche in Berlin oder bei den Kammerspielen in Ansbach, genauso wenig im Katholischen Gemeindezentrum in Neresheim. Es ist die Ursprünglichkeit, die der Solokünster auf jedem Konzert in Musik verwandelt und die den Zuhörer mitnimmt auf eine Reise in die eigene Gefühlswelt.

Ungeweinte Tränen “undone tears” treffen auf “Venus küsst Merkur” oder tägliche Ärgernisse “daily hassles” finden sich neben der Geschichte einer Hervorrufung “Evocacion”. Stefan Sell ist kein Mensch für das Banale oder für die Effekthascherei, er will mehr von der Musik als nur einen kurzen Moment. Der Komponist sieht sich als Maler, der mit eigenen Farben Bildlandschaften zaubert und Erinnerungen und Geschichten seines Lebens offenbart. Als Hintergrund der Bilder dienen kleine Anekdot en und ungekünsteltes Auftreten, das ihn auszeichnet – und mitten im Bild zeigt sich der Musiker selbst, immer auf der Suche nach der Begegnung mit seelenverwandten Zuhörern. Der Solokünstler erscheint als Magier: charismatisch, sensibel und geheimnisvoll.
Und er spielt die Gitarre krass wenn ihm danach ist, zelebriert Flamenco, als ob Tänzerinnen mit ihren Schuhen den Rhythmus auf der Bühne schlagen würden. Melancholisch oder explosiv – Trauer folgt Freude, es ist ein ständiger Stimmungswechsel, der die Musik des gebürtigen Rheinländers bestimmt und auch in seinem neuen Programm “coup de coeur” den Herzschlag vorgibt.
Erscheint klassische europäische Gitarrenmusik manchmal als etwas zu starr und vergeistigt, die spanische Variante bisweilen als etwas zu übertrieben euphorisch, so verbindet Stefan Sell mit seinen Tönen eher eine elegante Weichheit, eine fast schon zärtliche Träumerei. Sein Spiel bleibt immer klar, die Akkorde sind durchsichtig, die Melodien singen, sogar dort wo der Gitarrist an die Grenzen seines Instrumentes geht, oder nur einfache Dreiklänge wie Kunstwerke einfließen lässt.
Bekannt wurde Stefan Sell neben zahlreichen Konzerten auch durch die Beteiligung an Radioproduktionen, in seiner Arbeit für Theater und Oper, als Autor beim Schott-Verlag und Chefredakteur des Kulturmagazins “foglio”. Seit 30 Jahren experimentiert Stefan Sell auf der Gitarre und spielt seinen eigenen Stil, der sich mit Spielspaß in Perfektion umschreiben lässt. “Sich spielen, weil ich so bin”, sagt Stefan Sell, “von allem nichts”.
In “une etoile pur tous les ortolans” greift er für die kleine Feldammer in die Saiten, die in Frankreich teilweise auf der Speisekarte steht. Mit eingestreuten Takten aus “Weißt du wie viel Sternlein stehen” widmet er einen Stern am Himmel dem Ungeschützten und der verzweifelte Kampf der Vögel erklingt. Während später in “Danza del toro”, dem impulsiven Tanz des Stieres, das Publikum uno, dos, tres in den Raum schmettern darf, mit willkommenem Übermut und genauso euphorisch wie die Gitarre.
Stefan Sell äußert sich auch in seinen Zugaben als Komponist, der spannende Musik schreibt und laut werden lässt, sich aber keineswegs dem gefälligen Zeitgeist annähert. So entsteht eine neue Klangwelt, die dieser Musik sehr bekommt.
Und dass Stefan Sell auch für Poesie viel übrig hat, zeigen nicht nur die Titel seiner Kompositionen, sondern auch seine gemeinsame Deutschlandtournee mit Lutz Görner und Heinz Kahlau, dessen Gedichte er neu vertont hat. Ein sensibler Künstler mit vielen Facetten, der, wie er bereits ankündigte, erneut den Weg aufs Härtsfeld wagen wird.

Diese Titel spielte Stefan Sell beim Konzert:

Pourquoi pas
Gimme that
Monghir piuri
Evocación
Commencons la vie
Venus küsst Merkur
Tristan y sol
Undone tears
Une étoile pour tous les ortolans
Coming home
L’amour blanche
Kama Tanha Jah
Kama Tanha Blue
Kama Tanha Moon
Daily hassles
O coracao
Bourrée
Danza del toro
Guten Abend, gute Nacht