Die kommenden Kriege
UN-Korrespondent Andreas Zumach im Neresheimer Kalkwerk

Eigentlich war es kein Thema, mit dem man sich an einem sogar auf dem Härtsfeld angenehm warmen Abend gerne beschäftigen wollte, zumal die Ballkünstler aus der Elfenbeinküste ihren zweiten WM-Auftritt hatten. Dennoch war das Neresheimer Kalkwerk bis auf den letzten Platz besetzt, als UN-Korrespondent Andreas Zumach aus Genf über die Gefahr der „kommenden Kriege“ referierte und zugleich Auswege aus einer scheinbar ausweglosen Sackgasse aufzeigte. Zumach06-1

Die Zuhörer, die aus Neresheim und dem Ostalbkreis, aus dem Kreis Heidenheim und sogar aus München oder Esslingen ins Kalkwerk gekommen waren, erlebten einen Referenten, der drei Stunden strukturiert und nahezu druckreif sprach. Mit seinem profunden Wissen über internationale Politik und Hintergrundinformationen aus fast 20-jähriger Korrespondenten-Tätigkeit bei der UNO analysierte Zumach beeindruckend die derzeitige politische Lage. Noch mehr als schon in der Vergangenheit seien es künftig die begehrten Rohstoffe, die zu Konflikten und kriegerischen Auseinandersetzungen zu führen drohten. Der industrialisierte Westen brauchte und brauche „Freunde“, die Ölquellen besitzen, um sicher zu stellen, dass nicht plötzlich der lebensnotwendige Ölhahn zugedreht werde. Doch diese „Freunde“, die man sich herangezogen habe, seien immer zweifelhaft gewesen: das Schah-Regime in Persien, Saddam Hussein im Irak oder zur Zeit das autokratische Regime in Saudi-Arabien. Nach dem Ölschock der 70er Jahre habe US-Präsident Jimmy Carter auch interessante und hoffnungsvolle Alternativen zu den fossilen Energieträgern entwickeln lassen, doch Nachfolger Ronald Reagan hatte andere Berater und setzte eine unheilvolle Politik der Energieverschwendung fort. Die Kritik an den USA gelte aber auch für Westeuropa, das diese Politik praktisch immer mitgetragen habe. Deshalb sieht Zumach eine Mitverantwortung Europas für die desolate Lage im Nahen und Mittleren Osten, die wir immer nur als „billige Tankstelle“ gesehen hätten. Doch die Ölquellen würden – bei drastisch steigendem Bedarf durch aufstrebende Länder wie China oder Indien – nach seriösen Berechnungen schon Mitte dieses Jahrhunderts versiegt sein: das Erdöl, das über einen Zeitraum von 200 Millionen Jahren entstanden ist, hätten wir dann innerhalb von 200 Jahren komplett verbraucht.

Für überaus bedenklich hielt Andras Zumach auch die derzeitige Auseinandersetzung um das Atomprogramm des Iran. Er stellte klar, dass nach dem Atomwaffensperrvertrag Iran eindeutig das Recht habe, Atomkraft friedlich zu nutzen, die massiven Forderungen der USA nach Einstellung der Atomprogramme deshalb keine rechtliche Grundlage hätten.

In der sich zuspitzenden Lage, in der die USA dem Iran offen mit Militärschlägen gedroht hatten, setzt Zumach große Hoffnung auf die Aktivitäten der EU zur Befriedung der Situation, an der die deutsche Merkel-Regierung erheblichen Einfluss und Anteil habe, zumal Deutschland derzeit der einzige starke Partner in Europa sei, auf den die Bush-Administration setzen könne. Langfristig könne nach Zumachs Einschätzung nur eine internationale Konferenz über Sicherheit, Zusammenarbeit und Abrüstung im Nahen/Mittleren Osten unter Einbeziehung Israels und des Iran das Sicherheitsproblem lösen: die Region müsse zur „massenvernichtungswaffenfreien Zone“ erklärt werden. Und es brauche eine rasche weltweite Abkehr von Öl und Erdgas hin zu regenerativen Energien: Die technischen Voraussetzungen, so Andreas Zumach, seien längst gegeben – es fehle nur am politischen Willen.